Kalender 2017 - September

09 september

Emotionen in Sozialen Netzwerken

„Gefällt mir“ war gestern. Der aktive Facebook-User nutzt die volle Palette von sechs Emoticons, um seiner Reaktion auf einen Beitrag ein „Gesicht“ zu verleihen. Der klassische Daumen wurde dabei um „Love“, „Haha“, „Wow“, „traurig“ und „wütend“ ergänzt. Gerade rechtzeitig, könnte man meinen, um der aktuellen politischen Diskussion virtuell sichtbar beiwohnen zu können. Tatsächlich gibt es momentan viele Themen, bei denen sich einige berufen fühlen, den Mitmenschen ihre Emotionen zu zeigen. Sei es nun die Wut über Flüchtlingsströme, das Mitgefühl für Schicksale, das Lachen über vor Fehlern strotzende Hasstiraden oder die Verwunderung über eine schwer nachvollziehbare Präsidentschaftswahl. Der Digital Native oder Immigrant zeigt seine Gefühle öffentlich, indem er als Reaktion auf eines der Emoticons klickt oder aber durch selbst gepostete Texte oder Videos. Ein Beispiel für Letzteres ist ein junger Mann, der es nicht ertragen kann, wie die Öffentlichkeit mit seinem Idol, Britney Spears, umgeht. Tränenreich appelliert er dafür, die Sängerin in Ruhe zu lassen. Mit über zwei Millionen Klicks und diversen Nachahmungs-Videos hat er sich mit seinem emotionalen Auftritt immerhin weitreichend Gehör verschafft.

„Emotionen [sind] der Schlüssel für die Viralität von Inhalten“1. Werbung hat von jeher ihre Anhänger auf diese Weise angesprochen. Besonders effektiv funktioniert die Verbreitung von gefühlsintensiven Inhalten durch Videos, die auf verschiedene Sinne gleichzeitig abzielen. Optimal für soziale Netzwerke, in denen sich die Werbefilmchen ohne Kosten für Werbeträger verbreiten2.

Viral scheint aber nicht nur der Inhalt selbst zu sein, sondern auch die damit getragene Emotion. Nicht selten ist zu verfolgen, dass z. B. ein Post von besonders erfreulichem oder ärgerlichem Wetter zur Folge hat, dass Freunde sofort wettbewerbsfähige Vergleichsbilder ihrer meteorologischen Situation posten, welche von einem erbaulichen oder verärgerten Emoticon oder Text begleitet wird.

Nachrichten, die starke Gefühle provozieren, regen eher zum Reagieren an3, wobei positive noch stärker wirken als negative. Besonders Nachrichten, die das Wohlbefinden stärken, stecken an und verführen Leser dazu, sich ebenfalls mit positiven Beiträgen zu beteiligen4. Deprimierende Inhalte dagegen haben deutlich weniger Chancen auf Reaktionen.

Aber warum sind digital geäußerte Emotionen ansteckend? Liegt es an der psychisch verankerten Solidarität oder der gesellschaftlichen Norm der Anteilnahme? Greifen auch hier die Spiegelneuronen, die uns lächeln lassen, wenn unser Gegenüber lächelt? Freuen, ärgern oder trauern wir über den gleichen Anlass, auf den auch der Sender reagiert hat? Oder reagieren wir so, wie wir es vom Verfasser erwarten, wenn wir etwas posten? Ein bisschen von Allem, mag die Antwort sein. Laut Hatfield et al. dient das Partizipieren an der Gefühlswelt unserer Mitmenschen zum einen unserer eigenen mentalen Gesundheit, zum anderen schafft es soziale Nähe.

Bleibt dennoch zu klären, warum es manchen so wichtig erscheint, ihre Umwelt über ihren emotionalen Zustand und ihre Position zu Geschehnissen und Nachrichten zu informieren. Wenig schockieren dürfte, dass es bei der Äußerung von Gefühlen im Netz wiederum um Aufmerksamkeit und Selbstdarstellung geht. Lassen wir unsere Mitmenschen wissen, wie wir worauf reagieren, können wir unsere Persönlichkeit aktiv formen. Reagieren wir auf starke Gefühlsauslöser wie ein gekentertes Flüchtlingsboot oder ein Küken, das hinter einer Bulldogge her watschelt, macht uns das sichtbar und bestenfalls interessanter. Reaktionen auf wissenschaftliche Inhalte geben uns einen intellektuellen, Kommentare zum politischen Geschehen einen weltmännischen Touch1. Persönlichkeitsgestaltung auf Knopfdruck. Dazu bleibt wohl nur zu sagen: :-o

Die 5 Erfolgsfaktoren von viralem Content Marketing (Text)


Der Emotions Virus – Emotionales und Virales Content Marketing (Text):


Der „Leave Britney alone“-Guy (Video)


Videotutorial wie man ein eigenes Emoticon in Facebook einfügen kann


Quellen/Sources:

  • 1 http://t3n.de/news/psychologie-viralitaet-teilen-viraler-content-viral-547129/
  • 2 Hilker, C. (2012). Erfolgreiche Social-Media-Strategien für die Zukunft: Mehr Profit durch Facebook, Twitter, Xing und Co. Linde Verlag GmbH.
  • 3 Guadagno, R. E., Okdie, B. M. & Muscanell, N. L. (2013). Have we all just become ‘robo-sapiens’? Reflections on social influence processes in the Internet age. Psychological Inquiry, 24, 1–9.
  • 4 Kramer, A. D. (2012, May). The spread of emotion via Facebook. In Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 767–770). ACM.
  • Bilder/Pictures: © Sergey Nivens – Fotolia.com, graphiccave.com