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Kalender 2017 - Mai

05 mai

Angst

„German Angst“ ist eine kollektive Emotion, die Deutschland im Jahre 2016 wieder einmal epidemieartig befallen hat. Diskutiert wird dieses Konzept seit den 30er Jahren, als Thomas Wolfe seinen Erzähler George Webber berichten lässt: „Ihm wurde klar, dass diese ganze Nation von der Seuche einer ständigen Furcht infiziert war: gleichsam von einer schleichenden Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerrte und zugrunde richtete. Der Druck eines ununterbrochenen schändlichen Zwanges hatte dieses ganze Volk in angstvoll-bösartiger Heimlichtuerei verstummen lassen, bis es durch Selbstvergiftung in eine seelische Fäulnis übergegangen war, von der es nicht zu heilen und nicht zu befreien war“ 1.

Diese German Angst zeichnet sich durch eine Irrationalität aus, die von Fakten in keiner Weise beeinflussbar erscheint. In einer wahnhaften Leugnung der Realität wird jedes Faktum, das die Angst entkräften könnte, als nichtexistent oder falsch klassifiziert. Die Selbstbekräftigung in der In-group trägt wesentlich zur Stabilisierung dieses gemeinschaftlichen emotionalen Zustandes bei.
Konkrete Folgen sind z. B. der Abschluss einer Unzahl nutzloser Versicherungen, maßloses Sparen oder unkontrollierte aggressive Impulse.

Was steckt hinter Angst? Jeder hat dieses Gefühl schon erlebt, als konkrete Furcht vor einer Prüfung oder als generalisierte Schulangst, als Angst vor der Zukunft oder vor der Dunkelheit. Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von Unsicherheit bis zu Phobien oder gar Paniken. Das Gemeinsame an diesen Äußerungen von Angst ist, dass das eigene Handlungsrepertoire oder der Spielraum als nicht ausreichend angesehen werden, um eine als bedrohliche empfundene Situation abzuwehren oder positiv zu bewältigen.

Selbstverständlich steckt hinter dieser menschlichen Regung auch eine im Sinne Darwins überlebenswichtige Strategie mit positiven Folgen für die Menschheit insgesamt. Tollkühnheit ist nicht die Alternative. Allerdings gibt es sehr viele mögliche kollaterale Nebenwirkungen der Angst, die das Subjekt über die Maßen blockieren, einschränken oder aggressiv werden lassen. Dies wird dann als Angststörung bezeichnet, mit einer Prävalenz von etwa 10% der deutschen Bevölkerung.

Es gibt eine Reihe von Therapieansätzen, die das Ziel haben, dem Individuum wieder Handlungsfreiraum zu verschaffen. Am verbreitetsten sind wohl verhaltenstherapeutische Ansätze, die Angst als etwas Gelerntes ansehen, das man auch wieder „entlernen“ kann. Angststörungen gelten als relativ gut therapierbar, wobei dies in einem frühen Stadium einsetzen sollte.

Viel schwieriger sind kollektive Angststörungen in Griff zu bekommen, die große Teile der Bevölkerung befallen können. Da hier vielfach eine kontrafaktische Immunität gegen bessere Einsicht anzutreffen ist, die sich auf eine ohnehin schon informationsarme Weltsicht stützt, ist mit Informationskampagnen wenig zu erreichen. Bildung kann ein – leider langwieriger – Ansatz sein. Am wirksamsten ist das Aufscheinen eines neuen Projektionsgegenstandes, der den Fokus, bis auf weiteres, auf andere Themen lenkt.

Cartoon German Angst

 


Quellen/Sources:

  • 1 Thomas Wolfe: Es führt kein Weg zurück. Hamburg 1953, S. 533, 535, Thomas Wolfe: You can't go home again. New York, 1940/2011, S. 535
  • Bild/Picture: © Zacarias da Mata – Fotolia.com